Omega

Engel von Paul Klee

„Es besteht keine Notwendigkeit, den Tod zu fürchten. Nicht das Ende des physischen Körpers sollte uns bekümmern. Vielmehr sollte unsere Sorge dem Leben gelten, solange wir lebendig sind – um unser inneres Selbst von dem geistigen Tod zu befreien.

*Engel von Paul Klee

Dieser Tod betrifft jene, die hinter einer Fassade leben, welche den äußerlichen Bestimmungen dessen, wer und was wir sind, angepaßt ist.

Jedes einzelne menschliche Wesen, das auf dieser Erde geboren wird, hat die Fähigkeit, eine einzigartige und besondere Persönlichkeit zu werden, unähnlich allen, die zuvor existiert haben oder die existieren werden. Aber in dem Maße, wie wir Gefangene der kulturell vorbestimmten Rollenerwartungen und Verhaltensformen werden – Stereotype, aber nicht wir selbst-, blockieren wir unsere Fähigkeit zur Selbstverwirklichung. Wir behindern uns dabei, das zu werden, was wir sein können.

Der Tod ist der Schlüssel zum Lebenstor.

Dadurch das wir die Begrenztheit unserer individuellen Existenz akzeptieren, vermögen wir die Kraft und den Mut zu finden, jene äußerlichen Rollen und Erwartungen zurückzuweisen und jeden Tag unseres Lebens- gleichgültig, wie lange es dauert – darauf zu verwenden, so umfassend zu reifen, wie wir können. Wir müssen lernen unsere inneren Kraftquellen heranzuziehen, wir müssen uns selbst definieren mit Hilfe dessen, was wir als Antwort von unserem inneren Wertesystem erhalten, und nicht den Versuch machen, uns an eine unangemessene stereotype Rolle anzupassen.

Die Verleugnung des Todes ist teilweise dafür verantwortlich, daß Menschen ein leeres, zweckloses Leben leben; denn wer lebt, als würde er ewig leben, dem fällt es allzu leicht Dinge aufzuschieben, von denen er doch weiß, daß er sie tun muß. Lebt einer sein Leben in Vorbereitung auf morgen oder in Erinnerung an gestern, geht inzwischen jedes Heute verloren. Wer aber im Gegenteil wirklich begreift, daß jeder Tag an dem er erwacht, sein letzter sein könnte, der nimmt sich die Zeit, an diesem Tag mehr zu reifen, mehr zu dem zu werden, der er wirklich ist, und anderen Menschen die Hand entgegenzustrecken und ihnen offen zu begegnen.

Es ist in der Tat dringlich, das jeder – gleichgültig, wieviel Tage, Wochen oder Monate oder Jahre er noch zu leben hat – sich um das Reifwerden kümmert. Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, der Angst, der Furcht und der Verzweiflung. Es ist von wesentlicher Bedeutung, sich des Lichtes, der Kraft und der Stärke in uns selber bewußt zu werden und zu lernen, diese inneren Kraftquellen im Dienst an der eigenen Reife und der Reife anderer zu benutzen. Die Welt verlangt verzweifelt nach Menschen, deren eigene Reife soweit fortgeschritten ist, das sie lernen können mit anderen gemeinschaftlich und liebevoll zu leben und zu arbeiten, sich um andere zu kümmern – nicht um dessentwillen, was diese anderen für einen tun können oder was sie über einen denken, sondern vielmehr nur in Gedanken daran, was wir für sie tun können.

Wer Liebe zu anderen aussendet, wird umgekehrt die Widerspiegelung dieser Liebe empfangen; liebevolles Verhalten läßt reifer werden und verbreitet ein Licht, das die Düsternis der Zeit, in der wir leben, heller macht – ob es nun im Krankenzimmer eines Sterbenden ist oder an einer Straßenecke im Getto von Harlem oder in der eigenen Familie.

Nur dadurch wird die Menschheit überleben, daß Individuen sich dem eigenen Reifeprozeß und dem anderer widmen und sich daran beteiligen, ihrer Entwicklung als menschliche Wesen zu fördern. Das bedeutet die Gestaltung von liebevollen und fürsorglichen Beziehungen, in denen alle Beteiligten ebenso der Reife und dem Glück der anderen wie dem eigenen verpflichtet sind. Durch die Verpflichtung zur persönlichen Reife werden einzelne Menschen auch ihren Beitrag zur Reife und Entwicklung, zur Evolution der ganzen Spezies leisten, damit sie zu all dem wird, was die Menschheit zu sein vermag und was ihr bestimmt ist.

Wenn Menschen begreifen, welches ihr Platz im Universum ist, werden sie auch reif dafür werden, diesen Platz einzunehmen. Aber die Antwort findet sich nicht in diesen Worten auf dieser Seite. Die Antwort liegt in dir selbst.

Du kannst ein Quellfluß großer innerer Karft werden. Aber du musst alles aufgeben, um alles zu gewinnen.

Was mußt du aufgeben? Alles, was nicht wirklich du bist; alles, was du ausgewählt hast, ohne wirklich zu wählen, und dem du Wert zumißt, ohne es bewertet zu haben; alles, was du übernommen hast durch das von außen kommende Urteil anderer und nicht durch das eigene; alle deine Selbstzweifel, die dich daran hindern, dich selbst oder anderen Menschen zu vertrauen und dich wie sie zu lieben.

Was wirst du gewinnen? Nur dein eigenes wahrhaftiges Selbst; ein Selbst, das Frieden gefunden hat, das imstande ist, wirklich zu lieben und geliebt zu werden, und das begreift, wer und was zu sein ihm bestimmt ist. Aber du kannst nur du selbst sein, wenn du nicht jemand anderes bist. Du mußt >>ihre<< Zustimmung aufgeben, wer immer >>sie<< auch sein mögen, und mußt dich um deine eigene Bewertung von Erfolgen und Fehlschlägen bemühen, das heißt, es geht um deine eigenen Bestrebungen, die mit deinen Wertvorstellungen übereinstimmen.

Nichts ist einfacher und nichts ist schwieriger.

Wo kannst du die Kraft und den Mut dazu finden, diese fremdbestimmten Definitionen deiner selbst zurückzuweisen und statt dessen deine eigenen wählen? Es liegt alles in dir, wenn du suchst und keine Angst hast. Der Tod kann uns den Weg zeigen, denn wenn wir wissen und vollständig verstehen, daß unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist und das es keine Möglichkeit zu wissen gibt, wann sie vorbei sein wird, dann müssen wir jeden Tag so leben, als wäre es der einzige, den wir haben. Wir müssen die Zeit jetzt nutzen und anfangen – Schritt für Schritt, mit einer Geschwindigkeit, die uns nicht ängstlich macht, sondern begierig, den nächsten Schritt zu tun, um zu uns selbst heranzureifen.

Wenn du dein Leben in Mitleid, Liebe, Tapferkeit, Geduld, Hoffnung und Glauben führst, wird dein Lohn ein immer zunehmendes Bewußtsein der Hilfe sein. Diese Hilfe aber wird sichtbar, wenn du nur in dir selbst nach Kraft und Orientierung suchst. Wenn Menschen >>einen Platz der Stille und des Friedens auf höchster Ebene finden, die wir erreichen können, dann können die himmlischen Einflüße in sie hineinfließen, sie neu erschaffen und zur Erlösung der Menschheit benutzen<<.

Der Tod ist die letzte Stufe der Reife in diesem Leben. Es gibt keinen totalen Tod, nur der Körper stirbt. Das Selbst oder der Geist oder wie immer du es bezeichnen willst, ist ewig, du kannst diesen Sachverhalt auf jede Weise interpretieren, die dir eine Beruhigung bedeutet.

Wenn du willst, magst du die ewige Substanz deiner Existenz darin sehen, welche Wirkung jede deiner Stimmungen und Handlungen auf jene hat, die du damit erreichst, und dann wiederum auf jene, die von diesen erreicht werden, und so immer weiter – noch lange nachdem die Spanne deines Lebens vollendet ist. So wirst du zum Beispiel niemals die sich leise dahinbewegenden Wirkungen des Lächelns und der ermutigenden Worte kennen, die du an andere Menschen gerichtet hast, mit denen du in Kontakt kamst.

Vielleicht findest du größere Ruhe und Trost in einem Glauben, daß es eine Quelle der Güte, des Lichtes und der Kraft gibt, größer als jeder einzelne von uns, dennoch immer in uns allen, und daß jedes wesenhafte Selbst eine Existenz hat, die die Begrenztheit des Physischen übersteigt und beiträgt zu jener größeren Kraft.

In diesem Zusammenhang kann man den Tod als einen Vorhang ansehen zwischen der Existenz, deren wir uns bewußt sind, und einer anderen, die uns verborgen ist, bis wir den Vorhang heben. Die Frage ist nicht, ob wir ihn symbolisch öffnen, um die Begrenztheit der uns bekannten Existenz zu begreifen und so zu lernen, jeden Tag, so gut wir es verstehen, zu leben, oder ob wir ihn in Wirklichkeit öffnen, wenn unsere physische Existenz endet.

Wichtig ist aber die Erkenntnis, daß – gleichgültig ob wir nun völlig begreifen, warum wir hier sind oder was geschehen wird, wenn wir sterben – unsere Bestimmung als menschliche Wesen in der Reife liegt, in der Suche nach jener Quelle des Friedens, des Verstehens und der Kraft, die unser inneres Selbst ist; sie gilt es zu finden und auszubauen und anderen die Hand zu reichen in Liebe, Annahme, geduldiger Begleitung und Hoffnung auf das, was wir alle gemeinsam werden können.“

E. Kübler-Ross, Was der Tod uns lehren kann